Arbeitslose sind dekadent…

…unterstellte vor Kurzem Guido Westerwelle. Die sozialstaatliche Versorgung sei ein Zeichen „spätrömischer Dekadenz“, meinte er.

Westerwelles Gebrauch der Antike als Folie für Kritik am Sozialstaat steht nicht alleine dar: Schon Ende letzten Jahres hatte der Publizist Peter Sloterdijk ein „euergetisches System“ als Finanzierungsmodell für den Sozialstaat vorgeschlagen. Als Euergetismus wird ein System verstanden, in dem öffentliche Einrichtungen nur durch freiwillige Gaben der Wohlhabenden ermöglicht und unterhalten werden: Spendenstaat statt Solidarstaat.

In der neuen Veranstaltungsreihe „Stichworte zur geistigen Situation der Zeit“ des Arbeitskreises „Theorie und Geschichte“ wollen wir mit Hilfe von ausgewiesenen Expertinnen und Experten Begriffen nachspüren, die als Schlagworte die öffentliche Debatten beherrschen. Wir wollen diese Schlagworte bis zu ihren historischen Wurzeln zurück verfolgen, ihre Bedeutungen erforschen und überprüfen, ob ihr Gebrauch in der politischen Debatte weiterführend ist. Mit diesem Wissen werden wir an Sprach- und Diskussionsfähigkeit in öffentlichen Debatten gewinnen. Manche scheinbar so kluge Formulierung wird sich auf diese Weise aber auch als hohles Geschwätz erweisen.

Den Anfang unserer Reihe macht eine Untersuchung des Gebrauchs von Vergleichen antiker mit gegenwärtigen Verhältnissen im Rahmen der neuen Sozialstaatsdebatte. Dazu werde ich zunächst die wichtigsten Stationen dieser Sloterdijk-Westerwelle-Diskussion rekapitulieren; dann wird

am Dienstag den 30. März 2010,
um 19 Uhr,
in der „Genossenschaft“ (Prießnitzstraße 20; 01099 Dresden)

Prof. Dr. Martin Jehne,
Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der TU Dresden

zu den Stichworten

„Euergetismus“ und „spätrömische Dekadenz“

referieren. Darauf aufbauend wird sich uns die Gelegenheit zur Diskussion von antiken wie gegenwärtigen (Sozialstaats-)Verhältnissen bieten.

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